Sütterlin entschlüsselt: Wie ich mit Google Gemini ein Kriegstagebuch aus 1940 analysierte

Wer schon einmal alte Familienbriefe oder Tagebücher aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in der Hand hielt, kennt das Problem: Die Schrift. Viele Dokumente dieser Zeit sind in Sütterlin oder Kurrent verfasst – Schriften, die heute kaum noch jemand fließend lesen kann. Dazu kommen individuelle „Sauklauen“, verblasste Tinte und eigenwillige Abkürzungen.

Mein Vater Hans Theis aus Neuerburg (Eifel), geb. 1921. hat zwischen 1937 und 1945 Tagebücher geschrieben. Ein historischer Schatz, aber teilweise schwer zugänglich.

Anstatt mich stundenlang mit der Lupe über die Seiten zu beugen, habe ich ein Experiment gewagt: Ich habe Google Gemini als Handschriften-Experten engagiert. Das Ergebnis hat mich positiv überrascht.

Der „Persona“-Prompt

Der Schlüssel zu guten KI-Ergebnissen liegt oft im sogenannten „Prompt Engineering“. Anstatt einfach zu schreiben „Lies das vor“, habe ich Gemini eine klare Rolle und einen strikten Arbeitsauftrag gegeben.

Hier ist der genaue Prompt, den ich verwendet habe:

Prompt (also die Anweisung an den KI-Chatbot):

Du bist Experte für Handschriften.

Es werden Scans von Tagebüchern hochgeladen, die Hans Theis aus 54673 Neuerburg in den Jahren 1937 bis 1945 geschrieben hat.

Die Tagebücher sind teilweise in Sütterlinschrift verfasst.

Analysiere die hochgeladenen Scans und erkenne die Texte möglichst detailgetreu, ohne etwas hinzuzufügen oder wegzulassen.

Wenn du ein Wort nicht erkennen kannst, schreibst du das in eckigen Klammern.

Nachdem du den Text transkribiert hast, führst du separat einen Faktencheck durch.

Ich verwende aktuell das Plus-Modell von Google Gemini https://gemini.google.com/app und nutze den Thinking 3 Pro-Modus.

Original:

Mein Vater nutzte lateinische Schrift für die Datumsangaben und oft für den Satzanfang, wechselt aber für geographische Namen und spezifische Verben sowie Satzteile gelegentlich in Sütterlin. Ich habe eine Seite vom Mai 1940 hochgeladen. Es ist der Beginn des Westfeldzugs. Er schreibt hier in einer wilden Mischung aus lateinischer Schrift (für Daten) und Sütterlin (für Fließtext). Zu diesem Zeitpunkt war er 18 Jahre alt.

Übersetzung:

So 19.

So jetzt ist der Krieg im vollen Gange. Kurz die Ereignisse:

Fr. 10. Die Deutschen marschieren beim Morgengrauen in Holland, Belgien und Luxemburg ein. (Nähere Ausführungen weshalb: bei den Zeitungsnotizen). Wir hörten diese Nachricht nach der 2. Stunde (in der Lehrerbibliothek).

(… im Original geht der Text weiter…)

Sa 11. Die deutschen Truppen haben die Maas überschritten

So 12. Die d. Tr. [deutschen Truppen] haben von Luxemburg aus die Grenze nach Belgien überschritten. Bombenangriffe auf Frankr[eich]

Mo 13. Steter Vormarsch in Holland holl. Reg. [Regierung] nach London geflüchtet

Di 14. Holland kapituliert. Noch Wiederstand auf Zeeland.

Mi 15. Die Maginotlinie wird durchbrochen.

Was Gemini daraus gemacht hat:

Die Transkription war fast fehlerfrei. Besonders beeindruckend war der Umgang mit Details:

  • Schrift-Mix: Die KI hatte keine Probleme damit, dass der Autor mitten im Satz zwischen den Schriftarten wechselte.

  • Originaltreue: Im Tagebuch steht an einer Stelle „Wiederstand“ (mit „ie“) statt „Widerstand“. Gemini hat diesen Rechtschreibfehler erkannt und nicht automatisch korrigiert – genau wie angefordert („detailgetreu“).
  • Historischer Kontext: Wörter wie „Maginotlinie“ oder „Maas“, die in Sütterlin schwer zu entziffern sind, wurden korrekt erkannt, weil die KI den Kontext des Jahres 1940 verstand.

Faktencheck und Historische Einordnung (Google Gemini)

Das wirkliche Highlight war jedoch der zweite Teil der Antwort. Gemini hat die transkribierten Daten historisch eingeordnet:

Der Schreiber fasst hier am Sonntag, den 19. Mai, die Ereignisse der vergangenen Woche rückblickend zusammen. Die Daten decken sich präzise mit den historischen Fakten des Westfeldzugs:

  • Fr, 10. Mai: Beginn der Offensive („Fall Gelb“). Der Einmarsch in die neutralen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg begann tatsächlich im Morgengrauen (ca. 5:35 Uhr).

    • Lokaler Bezug: Da Hans Theis in Neuerburg war, befand er sich nur wenige Kilometer von der luxemburgischen Grenze entfernt. Die Erwähnung der „Lehrerbibliothek“ lässt darauf schließen, dass er zu dieser Zeit im Schuldienst oder in der Ausbildung war und die Nachricht dort über das Radio („Wir hörten diese Nachricht“) empfing.

  • Sa, 11. Mai (Maas): Die Einnahme der Brücken über die Maas (u.a. bei Maastricht und das Fort Eben-Emael) war ein strategischer Schlüsselerfolg der ersten Tage.

  • So, 12. Mai (Luxemburg -> Belgien): Dies beschreibt den Vorstoß der Heeresgruppe A (Panzergruppe Kleist) durch die Ardennen, die von Luxemburg aus nach Südbelgien vorstieß. Für einen Bewohner der Eifel war dies die unmittelbare Frontbewegung vor der Haustür.

  • Mo, 13. Mai (Flucht): Königin Wilhelmina der Niederlande floh tatsächlich am 13. Mai nach London.

  • Di, 14. Mai (Kapitulation): Die Niederlande kapitulierten am 15. Mai offiziell, aber das Angebot und die Einstellung der Kampfhandlungen (außer in Zeeland) erfolgte am 14. Mai nach der Bombardierung Rotterdams. Der Hinweis „Noch Wiederstand auf Zeeland“ ist historisch absolut korrekt; dort kämpften französische und niederländische Truppen noch einige Tage weiter.

  • Mi, 15. Mai (Maginotlinie): Hier bezieht sich Theis vermutlich auf den Durchbruch bei Sedan oder die Kämpfe bei der „verlängerten“ Maginot-Linie. Die Propaganda sprach oft vom Durchbruch der Maginot-Linie, auch wenn technisch gesehen der Hauptwall umgangen bzw. an der schwächeren Stelle bei Sedan durchstoßen wurde.

Fazit

Für Historiker, Genealogen und Archivare ist KI ein „Gamechanger“. Was früher Tage an mühsamer Entzifferungsarbeit gekostet hätte, erledigt Gemini in Sekunden – inklusive historischer Einordnung.

Natürlich ersetzt die KI nicht den menschlichen Experten (ein prüfender Blick auf das Original bleibt Pflicht), aber sie ist ein unglaublich mächtiger Assistent, der die Hürde zum Verständnis alter Quellen massiv senkt.

  • Weitere Infos zu Hans Theis und seinen Eifel-Sagen:

https://www.eifel-sagen.de

 

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