Photoshop, Word und Excel zum Nulltarif? Was die „Craft“-Apps wirklich können

Grafik mit der Frage „Kopie oder Konkurrenz?“ und drei Kacheln: PhotoCraft (Bildbearbeitung), WordCraft (Textverarbeitung) und GridCraft (Tabellenkalkulation). Hinweise: noch Alpha, kostenlos, quelloffen.

Kostenlose Programme, die aussehen wie Photoshop, Word und Excel – und binnen weniger Wochen mit KI entstanden sind. Klingt zu gut, um wahr zu sein? Ein Stück weit stimmt es sogar. Die Einordnung.

Was hinter „ArtCraft“ steckt

Anfang Oktober 2026 veröffentlichte das Projekt „ArtCraft“ quelloffene Nachbauten von Photoshop, Lightroom und weiteren Adobe-Programmen. Kurz darauf folgten Versionen von Word, PowerPoint und anderer Software. Inzwischen sind es 13 kostenlose Programme. Hinter dem Projekt steht der Entwickler Brandon Thomas. Die Apps sind in Rust geschrieben. Den Code hat im Wesentlichen Claude Opus 5.5 erzeugt, ein KI-Modell von Anthropic.

„Vibe-Coding“ meint: Programmieren per Anweisung an die KI statt Zeile für Zeile.

„PhotoCraft“: der Photoshop-Nachbau

Das Projekt beschreibt „PhotoCraft“ als quelloffene Clean-Room-Neuimplementierung. Der Nachbau soll ohne Zugriff auf den Originalcode entstanden sein, auf Basis öffentlicher Spezifikationen und des beobachteten Verhaltens. Mehr als 1.700 Tests sichern das Ergebnis ab. Ein Teil davon vergleicht die Ausgabe mit dem Bild, das Photoshop aus derselben Datei erzeugt. Auf GitHub sammelte „PhotoCraft“ binnen weniger Tage Zehntausende Sterne.

Wie schlägt sich die Software im Alltag? Die c’t hat ein Thumbnail für das Videoformat „c’t 3003“ damit gebaut. Die PSD-Vorlage lud komplett korrekt – mit Ebenen, Ebeneneffekten, Masken und Smartfiltern. Die Bedienung war laut Test bis ins Detail wie bei Photoshop. Für kleinere Arbeiten wie Thumbnails ist die Version schon brauchbar. Unter Linux und Windows lief sie solide.

Die Grenzen nennt das Projekt selbst. Laut README ist „PhotoCraft“ noch kein Ersatz für Photoshop im professionellen Alltag. Dass jeder Menüpunkt mit einem Befehl verbunden ist, sagt nur etwas über die Verdrahtung, nicht über das Verhalten. Mitte Oktober schätzte die Paritätsbewertung des Projekts, dass „PhotoCraft“ zu etwa 45 Prozent für echte Arbeit taugt. Bis zur vollen Gleichwertigkeit veranschlagt sie weitere 2.300 bis 4.100 Stunden Agentenarbeit. Auch CMYK und ICC-Farbmanagement samt Softproof sind angegeben. Ob das im Austausch mit einer Druckerei trägt, ist offen.

„WordCraft“ und „GridCraft“: Word und Excel als Open Source

Nach den Adobe-Programmen kamen die Büroanwendungen. „WordCraft“, „GridCraft“ und „DeckCraft“ übernehmen vertraute Bedienkonzepte und laufen unabhängig von Microsoft 365. Die Projektbetreuer schätzen „WordCraft“ auf rund 60 Prozent des Weges zu einem vollständigen Word-Ersatz. „GridCraft“ nutzt XLSX als Dateiformat.

Wichtig dabei: Das sind Selbsteinschätzungen, keine unabhängigen Tests. Kompatibilität mit komplexen Office-Dateien, Stabilität und Detailtiefe müssen sich im Alltag erst beweisen. Zudem ist Microsoft 365 für viele mehr als drei Desktop-Programme.

Einordnung: Kopieren ist billig geworden

Warum gelingt das so schnell? Agenten sind dort stark, wo sich ihr Ergebnis automatisch prüfen lässt: durch Tests und, wo diese an Grenzen stoßen, durch den Compiler. Rust bietet einen strengen Compiler, dazu kommt eine umfangreiche Testsuite. Ein heise-Kommentar bringt es auf die Formel „Kopieren ist billig, Entscheiden nicht“. Sinngemäß: Funktionen nachzubauen geht schnell. Zu entscheiden, was ein Werkzeug im Alltag zuverlässig leisten muss, dauert länger.

c’t-Redakteur André Kramer hat die Klone von Photoshop und Lightroom ausprobiert. Im „c’t uplink“ diskutiert er, ob das Projekt eine ernsthafte Konkurrenz für Adobe, Microsoft und andere werden könnte. Ob solche Nachbauten rechtlich unproblematisch sind, ist eine eigene Frage. Das erste der beiden Videos weiter unten stellt sie ausdrücklich.

Download: „ArtCraft Launcher“

Installiert werden die Apps über den „ArtCraft Launcher“. Aktuell ist Version 0.11.1.

Es handelt sich um Alpha-Software. Wichtige Dateien deshalb nur als Kopie öffnen.

Neben den drei besprochenen Apps gehören dazu „VectorCraft“ (Vektorgrafik), „FilmCraft“ (Video), „LightCraft“ (Fotobibliothek und RAW), „PdfCraft“ (PDF), „EffectCraft“ (Motion Graphics), „DesignCraft“ (Seitenlayout), „FigCraft“ (Interface-Design), „DeckCraft“ (Präsentationen), „SoundCraft“ (Audio) und „CADCraft“ (CAD).

Videos zum Thema

Der Kanal „Lady und Sir Apfelot“ hat zwei Videos dazu:

Dazu passt das c’t-3003-Video „Kann ArtCraft Adobe ersetzen?“ (siehe Quellen).

Fazit

Als Anschauungsbeispiel für KI-gestützte Entwicklung taugt das Projekt schon jetzt. Als Ersatz für Photoshop, Word und Excel ist es noch Alpha. Wer sein Abo kündigt, bevor die Kopien erwachsen sind, sollte wenigstens ein Backup der Originaldateien haben. Und bei diesem Tempo lohnt in ein paar Wochen ein zweiter Blick.

Quellen